Alt und neu und doch dasselbe

Posted by Ama Pola Category: Blog

Heute ist laut Kalender der 1. Januar 2017. Im vergangenen Jahr hatte ich permanent das Gefühl, gar nicht richtig in dem neuen Jahr anzukommen. So vieles hatte sich verändert, das meiste zum Positiven. Alles andere zieht man eben so mit. Ich habe noch nie daran geglaubt, dass ein neues Jahr mehr Glück, Zufriedenheit oder Liebe bringt. Es sind keine ganzen Jahre, die so viel Macht haben, oder denen ich soviel Macht zuschreiben will. Die Macht liegt in den einzelnen Momenten und vor allem in den Begegnungen. In dem einen Blick, den mir die Geigerin zuwirft in dem einen Moment. Da, wo sie genau weiß, was sie zu dem Lied spielen wird. Oder dem, den ich seit Jahren kenne, der immer gleich bleibt und ohne Worte alles sagt, was wir schon lange nicht mehr aussprechen müssen. Und dennoch tun.
Die Macht liegt in der Musik, die uns alle zusammenbringt; was das angeht, wird mir dieses vergangene Jahr mehr in Erinnerung bleiben als andere. Aber ob man jenes Jahr 2016 nennt oder nicht, ist egal. Es ist das Gefühl, das ich habe, wenn ich das große Mädchen wiedersehe, dessen Stärke mich inspiriert. Das Gefühl, als ich den ersten Ton der Band gehört habe, die mich seither begleitet, wie an dem Tag, an dem ich alleine durch die Straßen Chicagos gestreift bin; der Herbst wollte sich grade verabschieden und der eisige Wind hielt sich nur schwer zurück hinter den Fassaden der riesigen Wolkenkratzer.
Das Gefühl, wenn ich bei einem Auftritt den ersten Ton singe. Und das Gefühl des letzten Tons, den ich immer öfter an der Seite eines echten Freundes singen darf.
Ich erinnere mich an den Refrain, den es schon gab, und das Gefühl, als es ein fertiges Lied war. Drachenfliegen.
An die kleine Bühne in San Francisco mit meiner kleinen Gitarre Scarlett und das gespannte Glitzern in den Augen der Amerikaner.
Ich erinnere mich an den Moment, an dem ich meine Vision des Kayaks im Meer* wahrgemacht habe an der Seite meines lieben Vaters. An den ersten Stich meines „Ama Pola“ Tattoos an der Seite meiner Freundin Annika, die mich heute besuchen wird. Das Foto, aus dem Tatto Theater, als es fertig war, hängt über meinem Schreibtisch.
Da war die Begegnung im Englischen Garten mit über hundert anderen Menschen und Musikern, erinnere mich an die Luftmatratze und an die Sternschnuppe, die so nah war, dass wir dachten, wir könnten sie anfassen. An den Wunsch, der täglich wahr wird.
Ich bin heute aufgestanden, wie so oft mit einem Lied im Kopf. Oder im Herzen, ich weiß manchmal nicht genau, woher dieses Geräusch kommt. Seit ich die Musik wieder reingelassen habe, damals vor zwei Jahren, wache ich immer öfter mit einem Lied im Kopf auf.
Vor Kurzem träumte ich im Hotel von einer Melodie. Es war dieser eine Zustand, in dem man schon mit seinem Bewusstsein entscheiden kann, ob man noch etwas weiterschläft oder sich zwingt, die Augen aufzumachen. Da ich nichts vorhatte, habe ich mich der anderen Welt noch einige Minuten hingegeben. Und träumte ein Lied, das ungefähr so geht: Daaah- dada- daaah… Könnt ihr es euch ungefähr vorstellen?
Dabei lief ich mit dem einen Pulli, und meinen alten Lieblingsstiefeln im Wald; ich erinnere mich an einen See, den ich in Echt noch nie gesehen habe, aber gerne finden würde. Das Gras war nass, es musste also vor Kurzem geregnet haben. Und ich sprang über Pfützen. Und das Lied… Ich wollte innerhalb dieses Traums herausfinden, ob es eine neue Melodie ist, oder ein Lied, das ich schon mal gehört habe. Denn wenn es etwas Neues wäre, müsste ich den Traum abbrechen und es schnell in mein Diktiergerät singen. Nun, es war etwas Neues und ich verabschiedete mich schweren Herzens von diesem schönen Wald und dem See. Ich kann es kaum erwarten, daraus ein Lied zu machen.
Nun, heute bin ich auch mit einem Lied aufgewacht, konnte aber schnell detektieren, dass es kein neues war. Ich stehe also auf, die Erkältung und Bewegungslosigkeit der letzten Tage sitzt mir nach wie vor in den Knochen. In der Küche bleibe ich erstmal stehen. Erstmal orientieren. Ich bin allein in der Wohnung, so wie die letzten Tage auch. Ich suche im Internet nach dem Lied, da ich es noch nicht ganz zuordnen kann, weiß aber, dass es so geht: Daaaah… dadadada… daah. Und habe es gleich. Die Band heißt Bear’s Den. Das Lied heißt Bad Blood. Ich mache auf laut.
Ich köpfe den Schokonikolaus, der vor einigen Tagen mit Nachbars Grüßen vor unserer Tür stand. Es ist Mittag. Hier stehe ich mit meinem Schokonikolaus, esse nur die Teile, wo die Schoki besonders dick ist. Die dünnen Teile mag ich nicht. Ich schalte das Lied auf Repeat. Immer wieder läuft es durch, während mein Wasserkocher vier mal läuft: Erst für den Cistrosetee, von dem man nie krank wird, haha, dann Hustenreizlinderungstee (ich liebe die deutsche Sprache), dann Wärmflasche und dann Inhalierwasser*.
Nach dem Frühstück sammle ich die Reste des letzten Abends ein. Den Stiel des Magnum-Eises, wobei ich an meine Freundin Pauline denke, die einen Ekel vor Eisstielen hat. Den Kapo der Gitarre, den ich gestern ums Verrecken nicht gefunden habe und so ein Lied in C schreiben musste. Die Mundharmonika, die ich mir vor Kurzem zugelegt habe. Mal sehen, wie sich meine Künste dieses Jahr weiterentwickeln… Die Gitarre darf draußen stehen bleiben, ich brauche sie gleich, spüre ich. Ich richte die Uniform für morgen her. Wie immer grinst ein Teil von mir dabei, während der andere sich kaum merklich sträubt.
Ich lüfte. Draußen ist wirklich Winter. Mein verwucherter Apfelbaum ist weiß gefroren, ebenso wie der Zwetschgenbaum, der letztes Jahr kaum Früchte trug, sondern Läuse. Lauter winzige Eiszapfen haben sich an die vielen Zweige und Triebe gehängt. Sie scheinen sich dort sehr wohlzufühlen, so als wüssten sie, wie gut sie die Natur kleiden.
Ich setze mich mit meinen heilenden Tees nach dem Inhalieren an den Esstisch. Vor mir ein Kalender, alle Tage von 2017 auf einem DinA 3-Blatt. Wie geht das? Wie kann ein ganzen Jahr auf einem Blatt Papier sein? Bei allem, was passieren wird? Es wird nicht reichen. Gut dass ich mich auch dieses Jahr wieder für einen zusätzlichen Kalender entschieden habe, in dem man Platz hat, mehr aufzuschreiben. Ich fange an, einzutragen: Heute: Annika (weiß ich natürlich), morgen: Arbeit (schwer zu vergessen), übermorgen: Flo (ja, kann ich mir auch grad merken). Am Mittwoch: Musoc* mit meiner Freundin Steffi, wo meine Freundin Sonja auftritt… Dann am 4. … am 5. … Ich merke, dass der Januar bereits ziemlich verplant ist.
Ist das die Spirale, in die ich letztes jahr geraten bin? Dass ich so viele Dinge geplant habe, dass ich irgendwann den Überblick über Zeit verloren habe?
Oder war es genau das, was all diese Momente so wunderbar gemacht hat.
Mir diese (Wieder-)Begegnungen beschert haben.
Ich entscheide mich bewusst für Letzteres.

Und gehe weiter zum Februar.

* Wer an der Kayakgeschichte interessiert ist, der möge runterscrollen zum ersten Blog
* Wen interessiert, was ich so vom Inhalieren halte, der möge bei meinen Blogs zur „Quasimododo“-Geschichte runterscrollen. Macht ihr jetzt bestimmt alle:-)
* Musoc.de
Soundtrack während des Schreibens: Bear’s Den: Islands

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