Dirty Dancing.

Posted by Ama Pola Category: Blog

Ein Abend am Strand. Im Dezember. Verrückt genug. Entrückt von dem, was normal scheint, wird mir morgen die Realität kalt entgegenklirren.
Heute hatte ich eine interessante und sehr lehrreiche Begegnung mit dem, was viele von uns fürchten. Dem Alter. Nicht meinem eigenen, doch was uns gegenübersteht, ist stets als unser Spiegel gedacht. Viele von uns mögen ihr Spiegelbild nun nicht besonders, und ziehen es vor, stattdessen stundenlang im Spiegel das eigene Gesicht auf mögliche Anzeichen mangelnder Perfektion zu untersuchen, wie neue Barthaare an unmöglichen Stellen, die Unreinheiten und die Falten oder Fältchen, die nicht, wie vor zehn Jahren, sofort wieder verschwinden. Wenn ich mir so überlege, was ich nun eine Woche mit meiner Schwester am Strand und Pool so gemacht habe, außer Essen, Schlafen, Bücher verschlingen… So bleibt noch eins: Vergleichen. Und zwar ein permanentes. Erstens der Vergleich zwischen meiner Schwester und mir: „Mein Bauch ist irgendwie immer viel dicker als deiner, obwohl du viel mehr isst…“
„Dafür sind deine beiden Schenkel nur so dick wie bei mir einer… “
Unablässiges in den Spiegel schauen, wenn wir an der Spiegelwand zum Essen runtergehen, mit vorher damit einghergehender langer Überlegung, was man aus seinem falsch gepackten Koffer heute anziehen soll. Wir sind halt Mädchen. Naja, nicht mehr ganz, aber ein paar Dinge bleiben so. Oder werden sie erst so?
Nun, die anderen Vergleiche zielen eher auf unser Mitpublikum in der Hotelanlage ab. Wie erwartet überwiegt das typische Rentnerehepaar, dessen Kinder schon längst eigene Familien haben, dann ein paar schwedische und schweizerische Hipster Anfang 20, außerdem einige spanische Familien mit sehr kleinen Kindern. Man beäugt sich gegenseitig, einige grüßt man, nachdem man einmal einen kurzen Augenblick Kontakt am Frühstücksbüffet hatte, zum Beispiel, weil man sich gemeinsam geärgert hat, dass der Kaffevollautomat nur Espressobohnen hat, aber die meisten schauen sich mal mehr mal weniger verhohlen an. Ziemlich oft. Die schönen Leute hassen wir, weil sie schöner sind als wir, wir sagen Sätze wie: Wie kann man sich sie Haare nur so übertrieben blond färben oder: Sooo dünn ist auch nicht mehr schön. Stets schwingt ein bisschen Neid mit. Die Sportler, die bei den total peinlichen Kursen mitmachen, bei übertrieben lauter Musik, immer der gleichen wohlgemerkt, egal welche Kursart… belächeln wir. Meine Schwester sagt: „Nicht mal im Urlaub können die Ruhe geben“, und ich: „Ich freue mich schon wieder auf meine wirklich guten Kurse, wenn ich wieder daheim bin.“ Vergleich auf ganzer Linie.
Die Mütter mit Kindern beobachten wir genau, überlegen, welche von denen die Brüste schon neu gemacht haben (ist gleich: Kinderplanung abgeschlossen) und welche noch auf weiteren Zuwachs hinarbeiten. Die Väter, die auch tätowiert sind und sich etwas, naja, sagen, gemächlicher als der gemeine Deutsche bewegen, vergleiche ich mit meinem Mann und denke mir: Na, wenn die es schaffen, als Familie zu funktionieren, werden wir es ja wohl auch schaffen, obwohl mein Mann ein langsamer Spanier ist…
Die Leute, die mit dem Handy am Pool sitzen und sich mehr damit als mit ihrem Partner oder mal echten Büchern zu beschäftigen, bedenken wir mit einem verurteilenden Kopfschütteln. Schließlich weiß nur ich, dass es eine mir selber auferlegte Aufgabe ist, in dieser Urlaubswoche das Handy im Safe zu lassen und meiner Facebooksucht nicht nachzugeben.
Die Schweizer reden uns zu laut, die Schwedinnen werden zwar schön braun aber haben doch ganz schön speckige Hüften und überhaupt. Kommen wir zur interessantesten Gruppe in unserem Hotel, das einen kleinen Querschnitt unserer Gesellschaft abbildet:
Die Rentner. Wir reden viel über sie, meine Schwester und ich. Nicht so wertend, wie bei den anderen Gruppen, aber doch verdächtig viel. Wir sagen nette Sachen, wie: „Mei schau, wie sie tanzen“, (als einziges Paar auf der Tanzfläche zu schrecklicher Musik aus der Anlage, über die ein Spanier, der kein Englisch kann, alle Kassenhauer von Roxette über Bruce Springsteen bis Dirty Dancing raushaut. Fühlt sich im Übrigen eh arg nach Dirty Dancing an, das Hotel, die Anlage. Das gealterte, überaus zuvorkommende Personal, das die alten Leute kennt.
Oder: „Mei schau, der hält immer noch ihre Hand, ist schon romantisch, gell.“
Wir vergleichen sie mit unseren Männern: Ob meiner auch mal so viele Haare am Rücken bekommen wird? Wir vergleichen uns mit den Frauen: Ob ich wohl auch mal so Warzen im Gesicht kriege und wie das dann wohl ist, wenn man die Treppe gar nicht mehr allein runterkommt? Wir vergleichen, sprechen zugleich auch unsere Ängste aus. Fragen uns, ob wir uns so einen Urlaub im Alter überhapt leisten können werden.
Ich habe in meiner Arbeit viel mit älteren Menschen zu tun, auch jenen, die alleine reisen. Ich habe keine Berührungsängste und ich habe gottlob noch eine Oma, die gut auf den Beinen ist. Ich biete einer Dame, die zu überlegen scheint, ob sie die Treppen oder die Rampe nehmen soll, meinen Arm an, sie ist gerührt. Ist es so einfach einen alten Menschen zu (be)rühren…?
Heute sehe ich eine wirklich alte Frau. Sie hat wuschelige graue Haare, ist sehr dünn, trägt über ihrem sicherlich sehr teuren Bikini ein noch teureres Strandkleid. Sie geht aufrecht und hat eine stilvolle Ausstrahlung. Sie trägt weiße Lackballerinas. Sie bleibt stehen und sieht sich lange suchend um. Ich sage: Die sucht bestimmt ihren Mann. Sie geht weiter. Seeeehr langsam. Das Thema Zeit nimmt sicher eine andere Bedeutung an. Man möchte bestimmt rennen und kann nicht mehr und mit all der Weisheit, die das Leben uns schenkt, akzeptieren wir die Langsamkeit und gewöhnen uns daran, bis wir nicht mehr schneller gehen wollen, selbst wenn wir könnten, denke ich.
Einige Minuten später kommt ein alter Mann, er ist sehr gut angezogen, lange schwarze Hose, dunkelblaues Hemd. Er sieht sich suchend um.
Ich sage zu meiner Schwester: „Das ist bestimmt der Mann zu der suchenden Frau.“
Ich gehe auf ihn zu und frage, ob er seine Frau suche. Ja, sagt er, warum? Ich sage, dass da grade eine Frau war, die ebenso suchend geschaut hat wie er. Ich beschreibe die Dame, sage nicht, dass sie uralt ist, sondern beschreibe ihre Haarfarbe und Schuhe. „Schuhe“, sagt er, „also Schuhe hat die… Unzählige.“
Er zieht sein Smartphone aus der Tasche und zeigt mir ein Foto seiner Angebeteten. Das ist sie nicht. Nun, sage ich, aus irgendeinem Grund darauf erpicht, das Gespräch mit dem Mann fortzusetzen: „Sie sind aber ganz schön warm angezogen, dafür dass es so warm ist.
„Ja, ich komm grad aus den Casino.“
„Ah, echt, ist hier ein Casino?“
„Ja ja, ich fahre hier seit 45 Jahren her.“
„Und geht Ihre Frau nicht mit Ihnen ins Casino.“
„Nein“, sagt er, „sie spielt zu riskant. Einmal, da haben wir 250000 Mark gewonnen und sie hat alles wieder verspielt.“
Wow.
Ich weiß nicht, ob ich ihm glaube, aber es spielt keine Rolle.
Wir reden noch darüber, wie uns das Hotel gefällt, er spricht über die Kellner, die schon seit über 30 Jahren dieselben seien, das sei das Gute. Die wissen, dass sie ein gutes Trinkgeld bekommen, wenn sie zuvorkommend seien.
Ich denke an unsere All-Inclusive-Buchung. Die ganze Woche haben wir noch kein Bargeld mit uns herumgetragen. Essen, aufstehen, trinken, aufstehen. Über die zuvorkommenden Kellner haben wir uns mehr als einmal geäußert.
Wir nehme uns vor, am Abend 5 Euro Scheine an unsere Lieblingskellner zu verteilen.
Der Mann erzählt mir, dass er und seine Frau mehrmals darüber nachgedacht haben, hier zu überwintern. Aber 21 Tage reichen eigentlich, meint er, man könne ja auch mehrmals im Jahr herkommen. Schließlich begännen nun die ersten Zimperlein, er sehe nicht mehr so gut und die Ohren… In Deutschland hätte er die richtigen Ärzte. Ich erzähle von meinem Jahr in Spanien, und dass ich immer davon geträumt hatte, dauerhaft im Ausland zu leben, mich mein Wunsch, zu Hause in Deutschland zu sein, jedoch davon abgehalten hat, mein Leben in Spanien aufzubauen. Dass ich jedoch viel darüber grüble, und mich als rastlosen Menschen sehe. Ich frage mich, warum ich wohl so viel von mir preisgebe gegenüber einem Menschen, den ich nicht kenne und den ich nie wiedersehen werde.
Plötzlich nimmt das Gespräch eine Wendung, die ich weder heraufbeschworen habe, noch mir im Nachhinein einfällt, wie wir genau drauf gekommen sind.
Wissen Sie, sagt der Mann, wir Menschen nehmen uns zu ernst. Viel zu ernst. Vor allem die Politiker, aber auch jeder Einzelne. Schauen sie doch, wie klein wir sind. Stellen Sie sich vor, ein Meteorit fällt auf die Erde. Dann ist erstmal wieder 56 Millionen Jahre Ruhe. Nix mehr mit Menschen für ’ne ziemlich lange Zeit. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Nehmen Sie sich selber nicht so ernst.

Vielleicht ist das sein Tipp auf mein ganzes Gequatsche hin, dass ich mal besser die Klappe halten sollte.
Vielleicht ist es die Antwort auf meine ganzen Grübeleien, die mich oft nicht in Ruhe lassen, oder, die ich nicht in Ruhe lasse.
Ich finde erst nach dem Gespräch die Ruhe, das Buch anzufangen, das ich mir für einen besonderen Moment aufgehoben habe. Ich gebe zu, ich schreibe mehr, als ich selber lese, ich grüble mehr über mich als über das Weltgeschehen, ich singe mehr als ich Musik höre. Daher kann ich die Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, an einer, maximal zwei Händen abzählen.
Ich nehme endlich das Buch in die Hand. Das zweitschönste, das es gibt in meinen Augen, das weiß ich, weil ich den ersten Teil schon gelesen habe. Aber ein Vergleich wäre des Buches nicht würdig. Keines.
Ich merke, welche Wichtigkeit man sich selber durch das ständige Vergleichen zu Teil werden lässt und frage mich, wieso ich mir das permanent antue. Auf einer der ersten Seiten steht, was mir die Augen öffnet, und zeigt, wieviel Energie ich in diesem Urlaub auf das Vergleichen mit anderen Menschen verwendet habe.
Die wohlhabende Schwester hat dem in ärmlichen Verhältnissen lebendem Bruder mehrmals größere Geldsummen zukommen lassen. Sie fragt ihn, was er mit dem ganzen Geld getan hätte, da sein Wellblechdach immer noch leckt. Nun erzählt er, wem er alles mit dem Geld helfen konnte. Einem Bauernsohn, der auf die Uni gehen kann. Einem Ehepaar, das ein Teehaus eröffnen konnte. Und dann:

U Ba ging zum Regal und zeigte stolz auf einen Kassettenrekorder. „Den habe ich mir von deinem Geld gekauft, und immer wenn jemand nach Rangun fährt, bringt er mir neue Kassetten mit.
(Er) … drückte auf Start und warf mir einen erwartungsvollen und stolzen Blick zu. (…) Manchmal kommen meine Nachbarn und sie bringen ihre Nachbarn mit (…) dann sind wir so viele, dass wir in dichten Reihen auf dem Boden sitzen und zusammen Musik hören. (…)
Es klang (…) als würden sich betrunkene Musiker an Beethoven oder Brahms versuchen, (…) blechern, schrill und sehr ungleichmäßig (…)
„Ich glaube, das Gerät eiert.“
(…) Meinst du wirklich? Ich nickte. (…)
„Das macht nichts. Ich finde diese Musik auch so wunderschön.“
Mein Bruder schloss die Augen und folgte der Melodie einer Violine.
„Außerdem habe ich keinen Vergleich“, erklärte er mit noch immer geschlossenen Augen. „Das ist das Geheimnis eines glücklichen Menschen.“
(…) In jedem Vergleich ist das Unglück zu Haus.
(aus „Herzenstimmen“, Jan-Philipp Sendker)

Unser letzter Abend naht. Ich habe einige Fünf-Euro Scheine in meiner Tasche.
Als wir nach dem Abendessen unseren letzten Tequila für diesen Urlaub trinken, gebe ich Toni, dem Barmann, 5 Euro für Alberto, den anderen Barmann, und 5 für ihn.
Er weist das Geld entschieden zurück. Er nimmt einen Bierdeckel und einen Stift und schreibt seine Handynummer und „Toni“ drauf. Er sagt: „Wenn du mal mit deinem Mann hier unterwegs bist. Und irgendwas brauchst. Hier findest du eine Familie.“

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