Fleischtomaten und Weihnachten

Posted by Ama Pola Category: Blog

Kennt ihr diese ballgroßen fetten Fleischtomaten, die man in Spanien ab und zu sieht? Inzwischen gibt es die auch manchmal in Deutschland, aber damals…
Aber fangen wir an einer anderen Stelle an.
Weihnachten, das wird jedes Jahr irgendwie unwirklicher und wenn ich dann endlich checke, dass Weihnachten ist, ist es schon wieder so gut wie vorbei. Ich arbeite meistens viel in der Vorweihnachtszeit um danach möglichst viele freie Tage zu haben, so wie viele das tun. Der Charme der Weihnachtszeit geht daduch meist etwas unter. Alles Schöne, was man eigentlich mit Weihnachten verbindet, den heißen Kakao, die Lebkuchen, und die Christkindlmärkte, die Oma, den Ratsch mit der besten Freundin, die Ruhe, um das Jahr Revue passieren zu lassen. Die Liebe, das Zusammenkommen. Die Weihnachtslieder ohnehin, da ich Radio seit Langem schon nicht mehr ertragen kann, und so läuft Tag ein, Tag aus zwar die gleiche Playlist bei mir über das Handy, aber es ist immerhin die Playlist, die ich mir ausgesucht habe.
An jenem Dezembertag, als mir das mit den Tomaten passiert ist, war ich morgens bereits überrascht, als mir klar wurde, dass 4. Advent ist. Wie so oft, brauchte ich einen Moment um mich zu orientieren, und zu überlegen, in welcher Stadt ich diesmal aufgewacht war. Madrid. Ist ja nicht grade das Schlechteste.

Rückblick: Neuneinhalb Jahre vorher. Sommer. Andalusien. Frisch verliebt, Anfang zwanzig, von Glück gesegnet auf meiner Reise. Ich arbeitete in einer Bäckerei. Die Chefin war Deutsche, sie hatte sich Jahre zuvor in jenes kleine Dorf abgesetzt, das auch ich für einige Zeit mein Zuhause nannte. Unser Brot war beliebt bei denen, die es kannten, verkauften wir im Gegensatz zu den spanischen Bäckereien doch deutsches Brot, mit Mohn, Walnüssen, Dinkel, und ab und zu auch Rosinenbrot. Ich liebte den Laden und noch heute halte ich einen Moment lang inne, sobald ich eine Bäckerei betrete, lasse die Gerüche auf mich wirken, und denke mich zurück in diese Zeit, die damals mein Leben war. Manchmal rieche ich dann noch den Apfelkuchen und den einen, Schoko und Birne. Ich weiß noch, wie wir an einem Tag Magdalenas gemacht haben, wie wir sie zum Auskühlen auf das Fensterbrett am Schaufenster gestellt haben und dann plötzlich ganz viele Leute kamen und sie uns geradezu aus den Händen reißen wollten. Es war eine schöne Zeit und ich habe viel gelernt. Nicht so viel über das Backen an sich. Eher über Menschen. Demut. Und mich. Vor allem an diesem einen Tag, als sich das mit den Tomaten zutrug. Ich durfe abends das nicht verkaufte Brot mit nach Hause nehmen, ich glaube, wir ernährten uns damals nur von Brot. Es begab sich also zu jener Zeit, dass ich, wie jeden Tag, an der Stadtmauer entlang nach Hause spazierte. Mein Zuhause war eine kleine, dunkle, vergammelte Wohnung mit einem schönen verwunschenen Garten und, wenngleich in einigen Kilometern Entfernung, dem wunderschönen Blick auf das Meer und an guten Tagen, an denen der Levante uns schon den Gruß von dort überbrachte, sogar bis nach Afrika.
Im Gepäck hatte ich zwei Rosinenbrote, die ich mit nach Hause nehmen wollte, obwohl mir bereits klar war, dass wir niemals zwei ganze Rosinenbrote vertilgen würden. Ich spazierte also so dahin, als mir eine alte Frau entgegenkam. Sie hatte, wie viele alte Spanier, kaum Zähne im Mund, und war dennoch wunderschön. Gezeichnet von harter Arbeit und der Sonne Andalusiens, und in den Augen der Glanz des Glücks der Einfachheit, die, so glaube ich immer öfter, das wahre Glück bedeutet.
In den Armen balancierte die alte Frau eine Palette voller riesiger… ich wusste es erst nicht, da ich so ein Gemüse noch nie gesehen hatte. Erst bei näherem Hinsehen erkannte ich, dass es sich um Riesentomaten handelte, groß wie Handbälle, teils noch etwas grün, teils tiefrot. Ich war mehr als erstaunt und fragte die Frau, wie man an solche Tomaten käme und sie erwiderte, dass ihr Mann diese Sorte Tomaten seit Jahrzenten anbaue. Mein Dorf lag auf einem Berg, und um das Dorf herum hatte ich mehrere Bauern und kleine Felder bemerkt. Bisher hatte ich sie im Vorbeigehen eher bemitleidet, da ihre kleinen Beete ausgetrocknet und verlassen gewirkt hatten, ebenso wie die gebückten alten Männlein, die im Staub wühlten. Dass dabei etwas so Wunderbares herauskommen würde, konnte ich mir damals noch nicht vorstellen.
Erst in dem Moment, da ich begriff ich, wie unterschiedlich oftmals die Wahrnehmung ist und wie anmaßend Mitleid.
Die Frau fragte mich, was ich dabei hätte, woraufhin ich ihr das Rosinenbrot zeigte. Ich erklärte ihr, dass wir das selber machten und sie war ähnlich angetan wie ich von ihren Tomaten, strahlte mich mit ihrem zahnlosen Lächeln, das ihrer Seele entsprungen war, an.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, wessen Idee es war, zu tauschen. Ich weiß nur noch, dass mir klar war, dass es eine Beleidigung gewesen wäre, hätte ich die Frau gebeten, mir einige ihrer Tomaten zu verkaufen. Wir tauschten am Ende Rosinenbrot gegen Tomaten. Und ich weiß noch, dass dieses Gefühl des geldlosen Tauschs das Befriedigendste war, was ich bisher erlebt hatte. Wie wir eine der Tomaten mit an den Strand genommen haben und reingebissen haben wie in einen Apfel. Wie wir Emilios Handy neben eine der Tomaten gestellt haben um die Größe dieser Tomaten mit einem Gegenstand zu vergleichen, und mit meinem Fotoapparat ein Foto gemacht haben. Wie ich in dem Moment des Tauschs gelernt habe, wie pur der Erwerb einer Sache, oder noch besser: Nahrung sein kann, wenn man nicht fragt, wieviel es kostet, sondern gibt, was man hat.

4. Advent in Madrid.
Ich fühle mich erkältet nach dem Aufstehen, wie die ganzen letzten Wochen schon und wie irgendwie jeder momentan. Ich überlege, mir ein ein Frühstück aufs Zimmer zu bestellen, besinne mich dann aber eines Besseren, indem ich mich, ohne weiter nachzudenken, anziehe, und nach nebenan in die eine Bar gehe, wo man den ganzen Tag frühstücken kann, und wo an der Wand steht:
„Todos somos el beso favorito de alguien.“
Wir sind alle der Lieblingskuss von jemandem.
Jedes Mal, wenn ich das lese, muss ich schmunzeln. Ich bestelle an der Bar, entscheide mich für ein Brot (natürlich Weißbrot) mit Tomatenpampe drauf. Darauf kann man dann noch Öl, das an jedem Tisch steht, und Salz draufmachen und dann hat man den Geschmack Spaniens im Mund. Finde ich zumindest. Dazu gibt es einen Café con leche (Spanien ist das einzige Land, in dem ich Kaffee trinke) und einen frisch gepressten O-Saft, der immer nach Schale schmeckt, da die in den Bars immer so riesige Saftmaschinen haben, in die man die ganze Orange wirft. Während ich voller Vorfreude auf mein Festmahl warte, springt mir plötzlich ein Korb mit… Sehe ich das richtig? Im Winter? … Riesenfleischtomaten auf der Bar stehen. Ich werde von längst schlafenden Gefühlen übermannt und muss die Tränen zurückhalten. Während ich esse, luge ich immer wieder auf diese vier Tomaten, die perfekter nicht sein könnten. Nachdem auch der letzte Tropfen Öl vom Teller geschleckt ist und ich den zweiten O-saft ausgetrunken habe, gehe ich zurück an die Bar um zu bezahlen. Ich fasse mir ein Herz und frage mit klpfendem Herzen und feuchten Augen, ob die Tomaten verkäuflich seien. Der junge Mann hinter dem Tresen sagt nein. Ich sage, schade, sie sind sehr schön. Von weiter hinten horcht der andere Barmann auf, vermutlich der Chef. Ich frage, woher man in dieser Jahreszeit solche Tomaten bekäme. Er antwortet, sein alter Vater baue sie in seinem Garten an. Ich sage, weißt du, mein Mann kommt aus Sevilla und hat seit Wochen keine Sonne mehr gesehen. Und ich selbst habe erst einmal solche Tomaten gesehen. Und muss dabei die Tränen zurückhalten. Der andere Mann, der inzwischen die Rechnung fertig getippt hat, fragt mich nach einem Blick zum Chef, wie viele Tomaten ich denn will. Ich sage bescheiden: Zwei. Der Chef sagt, er habe hinten auch noch welche. Ich sage: Dann vier.
Und dann kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Zum ersten Mal in der ganzen Vorweihnachtszeit fühle ich mich… Weihnachtlich.

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