Wohnwagen und Traumtänzer

Posted by Ama Pola Category: Blog

Letzte Woche hat mir jemand einen Wohnwagen geschenkt.
Ja, echt jetzt.
Die Reaktionen auf diese Neuigkeit lösten bei unterschiedlichen Leuten sehr unterschiedliche Reaktionen aus.
Von: „Wieso verschenkt jemand seinen Wohnwagen?“ (Unglauben darüber, wieso man etwas, wofür man ja auch Geld verlangen könnte, einfach verschenkt/ Der Typ, der sowas macht, muss ja verrückt sein!)
Über: „Mensch, du hast aber auch immer ein Glück!“ (Meine Interpretationen verteilen sich über ein relativ weites Feld von ehrlicher Freude über diese schöne Begebenheit, bis etwas, was ich grob unter dem Stichwort „Neid“ verbuchen würde.)
bis: „Oh, das freut mich für dich.“ (Freunde. Echte. Und solche, die ohne Neid Freude für jemanden empfinden können.)
Ach ja, und der Moment, in dem ich dem, der mir in diesem Wohnwagen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, gesagt habe, dass mir jemand einen Wohnwagen geschenkt hat.
„Wie jetzt… Das heißt, wir haben jetzt einen Wohnwagen? Im Ernst?“
Und dann Tränen.
„Das Glück ist wie immer auf deiner Seite.“
„Ich weiß. Ich habe es eingeladen, und es ist geblieben. Ich glaube, es fühlt sich recht wohl bei mir.“

Den heutigen Tag habe ich mit Menschen verbracht, die ich gerne um mich habe. Es war einer dieser perfekten Tage. So wie jeder, wenn ich ihm erlaube, zu einem solchen zu werden. Muttertag mit Mutter, Tanten, Oma, ohne die weder Mutter, noch Tanten, noch meine Schwester wären. Noch ich. Alle wissen um unsere Verbindung mit diesem Ort, an dem mein Wohnwagen steht.
Später dann Szenenwechsel: Singen ohne Mikro, ohne Instrument in den Händen, nur Stimme an der Seite eines Münchner Musikers, der zu einem echten Freund geworden ist in diesen vergangenen Jahren, die so viel Veränderung gebracht haben.
Die Bilder von zehn Künstlern hängen an den Wänden des Ausstellungsraumes „Farbenladen“. Gesichter von Künstlern, die von Künstlern auf einem anderen Gebiet festgehalten wurden. Unverblümt schauen sie uns an während wir singen und geben dem Raum dadurch eine besondere Atmosphäre.
Ob wir danach noch mit ins Studentenwohnheim kommen wollen, fragt einer. Zum Geburtstag nachfeiern und mit Käse überbackene Nachos Essen. Spätestens der Hinweis auf einen sich dort befindlichen Erdbeerkuchen überzeugt mich. Als ob die bloße Existenz der Nachos nicht ausreichend gewesen wäre. Wie immer, wenn es um’s Essen geht, verliere ich den Faden… Also.

Szenenwechsel. Wir befinden uns im Studentenwohnheim. Ich bin 31. Meine bessere Hälfte auch, nur plus ein paar mehr. Da sitzen wir zwischen Nachos, die nach Erdbeerkuchen riechen, oder andersherum, umgeben von circa zwölf Studenten. An einem Ort, der so fern von meiner Realität liegt, fühle ich mich wohl wie lange nicht mehr. Denn der Ort ist egal, wenn die Leute passen. Und was jeder so genau macht am Tage und unter der Woche, wenn alle im selben Moment dasselbe machen. Nachos essen.
Einige wissen schon, dass ich einen Wohnwagen geschenkt bekommen habe. Eine fragt, wie es jetzt eigentlich dazu kam.
Als ich anfange zu erzählen, habe ich aus irgendeinem Grund (vielleicht dem, dass ich von meinem Vater das Talent des Geschichtenerzählens geerbt habe, oder weil es eben für andere interessant ist, warum man einen Wohnwagen geschenkt bekommt) die komplette Aufmerksamkeit der an der langen Tafel sitzenden Studenten. Ich fange also an:

Als ich noch im Bauch meiner Mutter war (ich weiß, das hört sich nach einer laaangen Geschite an, aber es muss sein:-)…
Also nochmal: Als ich noch im Bauch meiner Mutter war, sind mein Papa und sie an diesen einen Ort im ehemaligen Jugoslawien gefahren, in der Nähe von Pula, Istrien. Immer an denselben Ort, ein relativ wilder Campingplatz, den mein Papa schon viele Jahre vor meiner Mutter mit seinen Motorradfreunden entdeckt hatte (und das ohne ihn zu googlen, wie das wohl ging…?)
Meine Eltern hatten ein Zelt. So ein Hexenhäuschenzelt. So fuhren sie da jedes Jahr hin, auch als meine Schwester schon auf der Welt war. Irgendwann haben sie sich dann den ersten Wohnwagen geleistet. Der hatte so blaue Streifen. Mehr weiß ich nicht mehr über ihn. Ich erinnere mich an einen Mann, der in den Kriegsjahren vorbeikam. Als oben nicht mal die Rezeption offen hatte. Mein Papa hat ihm ein bisschen Geld gegeben. Er sagt, das waren billige Urlaube damals. Für uns Kinder, die wir nicht verstanden, dass dort Krieg herrschte- ich wunderte mich, dass das Land irgendwann anders hieß- waren das die tollsten Jahre. Auf dem riesigen Platz waren kaum Menschen. Wir haben vier Wochen Freiheit genossen, während Kampfjets über unsere Köpfe flogen. Das waren auch die Jahre, in denen meine Tante uns immer öfter zum Spazierengehen oder Spielen vom Wohnwagen (zwischenzeitlich einem schönen großen) wegholte, weil es im Wohnwagen zu lauten Auseinandersetzungen kam, die wir noch nicht verstanden. Der große Wohnwagen konnte nicht auffangen, was kaputt war.
Die Jahre, in denen der große Labrador unter dem großen Wohnwagen Schatten suchte, nachdem er stundenlang Steine aus dem glasklaren Adriameerhochgetaucht hatte, verbrachte mein Vater anfangs noch mit uns und einer anderen Frau. Im dem Jahr, als ich das erste Mal mit meinem Freud alleine draußen im Zelt schlafen durfte und mein Vater bereits seine jetzige Frau im Wohnwagen hatte, kam ein großer Sturm auf. Plötzlich wurde das Zelt, das meinen Eltern als Schutz in den ersten Jahren gedient hatte, weggerissen und wir lagen auf einer Luftmatratze unter freiem Himmel.

Vier Jahre später war ich zum ersten Mal nicht in Kroatien dabei und weinte in Frankreich am Sandstrand um meinen Felsenstrand in Istrien.
Egal, ob ich im Sommer dort war, egal mit wem, Mama, Papa, Tanten, Freund, Ehemann… Mein Traum, eines Tages einen eigenen Wohnwagen zu besitzen, der mir ein Dach gibt, wenn es stürmt, der mich begleitet, wenn ich es will und stehenbleibt, wenn ich ihn darum bitte, den ich pflege wie meine Wohnung und den ich teile mit Menschen, die ihn ebenso wertschätzen wie ich, war immer präsent. Es stellte sich in den Jahren, in denen ich mit meinem Mann nach Kroatien fuhr, heraus, dass auch in seinem Herzen ein bisher unentdecktes Camperherz schlug. Wenn wir abends dort spazieren gingen, träumten wir daven, wie wir einen eigenen kleinen Wohnwagen auf den Platz stellen würden, der uns gefallen würde. Die Option, ein fest installiertes Häuschen zu beziehen, war stets eine gute Lösung. Die aber nicht den Traum erfüllen konnte. Wir vergaßen den Traum über das Jahr immer wieder. Zudem kam es uns nicht ernsthaft machbar vor. Hängerfürerschein, Auto mit Anhängekupplung, überhaupt ein stärkeres Auto, standen dem Traum scheinbar im Weg… Und so verschoben wir den Traum.

Wie so viele.

So wie viele von uns.

So viele Träume, die verschoben werden.
Wenn unsere Träume Freunde wären, würden sie sich oftmals sehr vernachlässigt fühlen…
Erst zurück in Kroatien erinnerten wir uns daran. Um es danach wieder zu verschieben. Wie so oft.
Vor einer Woche- es war eine dieser anstrengenden Schulungswochen- schrieb mir mein Papa eine Whatsapp: „Der Chaoten-Toni verschenkt seinen Wohnwagen inklusive Zubehör. Magst ihn?“
In meinem Kopf ging es ziemlich ab: Aber ich hab ja keinen Hängerführerschein… Den schaffe ich dieses Jahr auch nicht mehr. Und überhaupt. Verrückt. Zudem wusste ich absolut nichts über diesen Wohnwagen.
Also sagte ich: „Ja.“
Ich telefonierte erst mit meinem Papa, der mir die Hintergründe erklärte: Der Chaoten-Toni, ein sehr liebenswerter Segler- und Camperfreund, plant, dieses Jahr den Wohnwagen, in dem er seit Jahrzehnten seinen Kroatienurlaub verbringt, mit allem, was drin ist, zu verschenken, da seine liebe Frau schwer krank ist. Der Aufwand soll so klein wie möglich gehalten werden. Das hat er in die Campingbrüder-Whatsappgruppe geschrieben.
Tags drauf telefonierte ich mit dem altbekannten Chaoten-Toni, der zum Campingplatz gehört wie die Felsen am Strand und der alte Steg, der so rutschig ist, dass man lieber über die Felsen ins Wasser geht. So gar nicht chaotisch kam er mir vor. Strukturiert, und klar in seiner Entscheidung. Er wünsche sich jemanden, der seinen und den Campertraum seiner Frau weiterlebt, jetzt wo sie sich an nichts mehr erinnern kann. Jemanden, der seinen 25 Jahre alten Wohnwagen weiterpflegt und wertschätzt. Er steht seit Jahren das Jahr über bei Dorian ein, der ihn einfach bringt, wenn man selber auf dem Platz ankommt, und ihn wieder abholt, wenn man wieder nach Hause fährt. Diesen Vertag könnte ich übernehmen. Er würde noch die Dachfenster auswechseln und dann könnte ich ihn Anfang September übernehmen. Mitsamt Inhalt: Vorzelt, Fahrrad, Geschirr, sogar ein Surfbrett…
Kaufpreis laut Vertrag: Null Euro.
Aber er könnte ihn doch trotzdem verkaufen. Macht er aber nicht. Weil nicht alles im Leben mit Geld zusammenhängt. Sondern manchmal eben mit dem guten Gefühl, das es einem gibt, etwas an jemanden weiterzugeben, das man selber nicht mehr braucht oder verwenden kann. Weil es nicht nur ums Nehmen geht, sondern in erster Linie ums Geben. Weil das Zurückbekommen dann von alleine kommt.
Auf dem Campingplatz ist viel passiert. Viel Wunderbares und vieles, das ich schmerzlich erinnere.
Am Ende bleiben meine Erinnerungen MEINE Erinnerungen. Die ich teile, wenn ich das will. Die ich aufschreibe. Die ich hervorhole, wenn ich sie gerade brauche. Die aber auch manchmal einfach ungefragt auftauchen. Vieleicht sollte ich sie gerade in solchen Momenten dankbar aufnehmen.
Dass an ein paar Stellen das Holz im Wohnwagen ein bisschen aufgequollen ist, sagt der Toni. Und er natürlich Gebrauchsspuren hat.
Am 5. September werde ich es ja dann sehen, wenn ich den Wohnwagen offiziell übernehme. Ich bin dankbar, dass ich die Erinnerungen von Toni und seiner Frau weiterspinnen darf. Dass noch mehr Gebrauchsspuren hinzukommen. Ich fühle mich sogar geehrt über dieses Vertrauen, dass ich diese Erinnerungen übernehmen darf.
Erinnerungen, die Tonis Frau nun nicht mehr hat. Ihre verschwimmen immer mehr, während ich Tag für Tag die Möglichkeit habe, meinen Erinnerungskatalog zu erweitern. Immer darin zu blättern, wenn ich das will. In der Ortssparte einen Punkt herauszusuchen und mich hineinzufühlen: Wie war das vor zwei Jahren, als ich das erste Mal mit Flo gesungen habe. Wie war es damals vor zehn Jahren, als ich meinen Mann auf dem Campingplatz in Spanien getroffen habe. Wie stolz war ich, als letzte Woche ein wunderbarer Mensch ein Gitarrensolo für mein Projekt Traumtänzer eingespielt hat. Wie hat es sich angefühlt, vorgestern in Nizza am Strand zu laufen und am Tag danach in Freising den ersten Open Air Konzertabend zu genießen. Wie roch die Luft, wie schmeckte der Hugo. Und wie lecker waren gestern bitte die Nachos und wie laut das Lachen! Nicht zu vergeseen der Erdbeerkuchen!
Welche Erinnerungen werden noch gesponnen auf diesem Weg, den wir selber wählen dürfen. Weil wir frei sind, unsere Entscheidungen zu treffen, und sie wieder über den Haufen zu werfen, wenn sie sich als nicht mehr passend herausstellen. Das aufgequollene Holz in Tonis Wohnwagen, der bald meiner ist, zeugt von 25 Jahren Erinnerungen. Von Familie, Glück, einem gelebten Leben, an das sich nur noch einer von beiden erinnern kann.
Ich werde die Erinnerungen weiterspinnen, diesen mobilen Ort mit Menschen teilen, die ihn ebenso wertzuschätzen wissen, wie wir. Dankbarkeit über alle Momente werden uns begleiten, auch an die schwierigen, denn sie sind Teil von den guten.

Ich weiß noch, wie du gestrahlt hast, als ich vor zwei Jahren auf der großen Wiese Musik für euch Camper gemacht habe. Wie du mir gesagt hast, wie sehr du es genossen hast. Weißt du es manchmal noch?
Danke für dieses wunderbare Geschenk.
Lasst uns unsere Freunde nicht vernachlässigen. Denn die Erinnerungen, die wir jetzt nicht mit ihnen gestalten, werden nie Teil von uns sein.

One thought on “Wohnwagen und Traumtänzer

  1. Wunderschön! Wieder was, woran Dein (unser aller) Herz hängt. Viele Erinnerungen … schöne und schmerzende …. hat Dein Artikel in mir wachgerufen. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du in Deinem Wohnwagen weitere schöne Erinnerungen sammeln kannst. Und wenn vielleicht auch ein paar schmerzende Erinnerungen dabei sein sollten … auch die gehören dazu und machen uns zu den Menschen, die wir sind. Alles Liebe!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Required fields are marked *.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>